Kurzbericht  über  den  Vortrag
von  Kornelius
Hentschel

"Trance  und  Besessenheitsphänomene
im  Islam

Das  "Zãr"-Ritual  in  Ägypten 
und  die  GNAWA  in  M
arokko"

 

Der ägyptische Zãr, wie auch die Rituale der Gnawa, gehören zum Volksislam, der übrigens stets Angst vor der Verfolgung durch die Orthodoxie hat. Während die Lehre von den Djinn – den Geistern – durchaus eine koranische Basis hat (gemäß welcher die Djinn aus feurigem Hauch  geschaffen sind, und zwar noch vor der Erschaffung des Menschen), kennt der Volksglaube eine überaus komplexe Dämonologie, die eine Spiegelwelt unserer Welt darstellt (so gibt es gute, böse und neutrale Djinn, ebenso muslimische, christliche und jüdische), eine Geisterwelt, die unser Referent auch in seinem Buch ausführlich dargestellt hat.                

Iblîs, der "Vater der Djinn", hatte sich geweigert, Gottes Befehl, sich vor Adam niederzuwerfen, nachzukommen.             

Der Sahib Mulazim, Qarîn, ist – im Gegensatz zu allen anderen Djinn – dem Menschen sehr eng verbunden, man kann ihn gerade zu als seinen Schatten (im Sinne von C. G. JUNG) oder Doppelgänger auffassen; er ist als steter Begleiter mit uns und wird immer stärker, indem er sich an nicht vollzogenen religiösen Handlungen nährt. Auch die Magie wirkt gemäß dem Volksglauben auf den Qarîn ein; so schickt etwa der Zauberer seinen eigenen Qarîn zu dem des ausersehenen Opfers.       

Es gibt eine ausführliche Kosmologie der Sultan Muluk, der Sieben Fürsten  der Djinn, die in Parallele zu den Planeten wie auch den Wochentagen stehen und vor allem im Zãr-Ritual von großer Bedeutung sind.

Die Djinn leben an einsamen Orten, insbesondere dort, wo eine Beziehung zur Erde besteht, z. B. Toiletten, Höhlen, Felsen, Gräber und Bäder; längeres Verweilen von Menschen an diesen Stätten führt zu Besetzung und ist daher zu vermeiden. Selbst Musik ist nicht unproblematisch, denn die Djinn tanzen gerne; auch Türschwellen und die Dämmerung sind gefährlich. Die Djinn sind sozusagen "feinstofflich", sie schwingen gleichsam auf einer höheren Ebene; da nun Emotionen des Menschen dessen Schwingungsfrequenz erhöhen, nähern sie ihn der Welt der Djinn an.            
Die bösen Djinn haben den Auftrag, den Menschen vom geraden Weg abzubringen. Von ihnen verursachte Poltergeistphänomene rufen bei den Menschen Angst hervor, wobei jedoch gerade die Emotion der Angst dann die Menschen "schneller schwingen" läßt, wodurch sie
auf der Ebene der Djinn erst sichtbar werden (normalerweise sehen die Djinn die Menschen ebenso wenig wie die Menschen die Djinn).                

Schutzmaßnahmen gegen die Djinn sind außer entsprechenden Verhaltensweisen (Meidung gefährdeter Örtlichkeiten) vor allem der Koran, da insbesondere der Thronvers, sowie entsprechende Amulette.    

Die Besetzung eines Menschen durch ein Djinn kann verschiedene Stufen haben, eine leichtere Berührung, eine teilweise Besetzung (wie ein Reittier) und schließlich eine richtige Besessenheit. 

Methoden  der  Austreibung  eines  Djinn :

Der heilige Koran ist das beste Mittel; die Orthodoxie verwendet primär die Koranrezitation. Es kommen auch Räucherungen in Frage, sowohl Weihrauch wie auch das Verbrennen von Zetteln, auf denen die entsprechenden Suren aufgeschrieben worden sind, wodurch diese in Rauch aufgehen; analog dazu die Verwendung von Schreckbechern und -schalen (Omphalosschalen), in deren Wandung teils Koransprüche, teils auch magische Charaktere graviert sind, deren Kraft in das Wasser, mit dem sie gefüllt werden, übergeht, und vermittels dieses Vehikels Wasser schließlich durch Waschung bzw. Trinken auf bzw. in den Körper des Besessenen.      

Die  Zãr-Zeremonie :

Interessant ist zunächst die soziale Komponente:  98% der Beteiligten sind Frauen (der Rest soziale Außenseiter wie z. B. Transsexuelle oder Transvestiten, oder auch Ausländer wie unser Referent, die eben nicht zum lokalen Sozialsystem gehören). In der traditionellen Gesellschaft besitzen auch die Frauen gewisse Freiräume, vor allem das Bad (Hammam) sowie den Bereich von Heiligengräbern (Marabutismus), wo häufig der Dhikr  abgehalten wird. Die Frauen fordern nicht für sich etwas, sondern der Djinn fordert für sie. Die Verständigung mit dem Djinn erfolgt über Glossolalie.           
I
m ekstatischen Tanz können die Frauen ihre sozial bedingten Frustrationen abbauen:  es ist dies ein Ritual der Frauen, wobei Männer bloß die Musikanten einer einzigen Tanzgruppe stellen; ein durchaus erotisches Element ist diesen Tänzen eigen. Die Scheicha, die den Zãr leitet, ist oftmals dunkelhäutig bzw. schwarz, was ein Licht auf den Ursprung des Zãr in Zentralafrika (West-Sudan) wirft, der vielleicht schon in pharaonischen Zeiten dort abgehalten worden sein mag. (Analog dazu dürfte "Gnawa" sich etymologisch von Guinea ableiten.)       

Das Ziel des Zãr ist nicht das Austreiben des Djinn, sondern das Lernen, mit ihm umzugehen, das Bewußt-Machen des Doppelgängers.        

Die Zãr-Braut feiert Hochzeit, es gibt ein Blutopfer (das ja an sich im Islam verboten ist), über und über wird sie mit Blut bestrichen. Das dient zur Kontrolle der Zãr-Geister, die eine Untergruppe der eingangs abgehandelten Djinn darstellen, und zwar gibt es deren 66. (Bemerkenswert ist, daß bei den Gnawa von 22 Geistern die Rede ist, also ein ganzzahliges Verhältnis.)       

Die Kudya, die Meisterin des Zãr, erfährt in ihren Träumen während dreier Nächte den Grund der Besetzung und den Namen des Zãr-Geistes sowie Details über die Opfertexte und die Hochzeitszeremonie. Ihr stehen 5 – 8 Helferinnen zur Seite, es gibt rhythmische Musik, vor allem Trommeln, in drei Kapellen, wobei bei einer ein Mann der Vortänzer ist, dessen Gewand mit Kaurischnecken (Vulvasymbolik!) versehen ist, während die dritte Gruppe, wie erwähnt, nur aus Männern besteht, deren Tänze erotischen Charakter haben; die Männergruppe spielt Tschinellen und Flöten. Unterschiedliche Rituale werden abgehalten, wobei eine dreimalige Räucherung hervorsticht:  zum Vertreiben der Geister, zum Schutz, und zum Füllen des Vakuums.            

Der "große Zãr", der mehrere Tage lang dauert, zumindest jedoch zwei Nächte, ist vom "kleinen Zãr" zu unterscheiden. Die Forderungen der Zãr-Geister sind, was die verlangten Opfertiere betrifft, sehr spezifisch nach Art und Farbe. Die Klientin wird mit dem Blut des Opfertiers überspritzt, es folgt eine Henna-Zeremonie wie bei einer Hochzeit, das Opfermahl, und Tänze – dann ist der "Sultan"  beruhigt, der Leidensdruck der insbesondere vegetativen Erkrankungen weicht.                 

Was die erwähnten Blutopfer betrifft, so werden dazu nur (oder fast nur) männliche Tiere verwendet. Das Blut dient zur Beschwichtigung des Djinns oder des Königs, da der Djinn aus dem Blut Kraft zieht. Das Opfertier wird anschließend von den Teilnehmern verspeist, die Klientin mit dem Blut des Tieres übergossen, wobei das Blut in einer Schüssel aufgefangen wird, in welcher das Zãr-Amulett (für den betreffenden Zãr-Geist) liegt.             

[Anzumerken ist, daß in Sťancen, die es ja auch gibt, nicht der Geist des Toten auftritt (die Seele geht nach dem Tode nämlich direkt ins Paradies oder in eine Zwischenwelt), sondern der oben genannte Qarîn, der als "Schatten" oder "Doppelgänger" bloß ein einzelner Teil ist und mit der altägyptischen Seelenkomponente Ba  gewisse Gemeinsamkeiten zeigt; meist wird er nicht als positiv empfunden, da er allemal zu den Djinn gehört.]     
                 

Die Gnawa :

Es handelt sich dabei ursprünglich um schwarze Sklaven, die durch Mullah Ismail nach Marokko gebracht worden sind. Ein grundlegender Unterschied ist fällt auf:  während der ägyptische Zãr im Geheimen abgehalten wird, stellen die Gnawa ein wichtiges folkloristisches Element in Marokko dar. Es gibt verschiedene Gruppen von Gnawa, denen jedoch gemeinsam ist, daß 95% ihrer Anhängerinnen Frauen sind. 

Die Gnawa-Rituale, Hadra, sind ebenfalls sehr erotisch anmutende Veranstaltungen, die von Männern geleitet werden; die Klienten sind sämtlich Frauen, zumeist aus sozial zerrütteten Gesellschaftsschichten.    Im Mittelpunkt steht die Besessenheitstrance, wobei es das Ziel ist, diese in eine kontrollierte Trance zu transformieren; Frauen, denen dies gelingt, werden dann zu Wahrsagerinnen. Auffällig ist bei den Gnawa-Ritualen ein gewisses Suchtverhalten:  die Veranstaltungen werden oft mehrfach in der Woche besucht.

Der Leiter ist vielfach dadurch ausgezeichnet, daß er ein initiatisches Erlebnis hatte; auch das Motiv der mystischen Reise spielt da hinein. An den Veranstaltungen nehmen zumeist 20 – 30 Gäste teil; ins Auge sticht, daß von den Gnawa akrobatisches Können gezeigt wird:  Springen, Drehen in der Luft, Tänzer schlagen, von den Musikanten gehalten, Purzelbäume – eine beeindruckende Demonstration ihrer physischen FitneŖ. Das Ritual dauert die ganze Nacht, wobei alle 22 Liedgruppen (entsprechend den 22 Geistern) durchgesungen werden und die Tänze von Mitternacht bis fünf Uhr früh stattfinden. Die Kleidung, in verschiedenen Farben, wird je nach den gespielten Liedern gewechselt; falsche lange Haare, die beim Tanz gewirbelt werden, haben eine apotropäische Funktion. Ein Ritual, das die Akteure einmal im Jahr für sich selbst veranstalten, Hadra kabir, dauert zwei Nächte und einen Tag. Ein Mal pro Jahr muß auch der kleine Hadra durchgeführt bzw. wiederholt werden; der Geist wird nämlich nicht ausgetrieben, sondern in einen Schutzgeist verwandelt, was sich eben in der Wandlung der Trance (leichte Trance – rasende Trance – Katalepsie) zu einer kontrollierten Trance manifestiert.              

Abschließend sei bemerkt, daß die vom Referenten vorgespielten Tondokumente außerordentlich eindrucksvoll waren, insbesondere die in dieser Musik angewandten Rhythmen.                  
               
                                

Kommentar :

Schon Karl BETH hat in den Zwanzigerjahren festgestellt, daß es keine Religionspsychologie ohne Berücksichtigung der Parapsychologie mehr geben könne. In der gegenständlichen Thematik kommen noch sozialpsychologische und psychotherapeutische Aspekte hinzu – somit hat das interdisziplinäre Gebiet der Ethnoparapsychologie eine bedeutende Brückenfunktion.        

Auch in unserem westlichen Kulturkreis sind, wenn man vom extrem traditionalistischen Flügel der Kirche absieht, Vorstellungen von "Besessenheit" im wesentlichen dem Volksglauben zuzurechnen und erscheinen dann als dämonische Besessenheit, oder sie sind – was für die Parapsychologie weitaus relevanter ist – dem Vulgärspiritismus zuzuordnen, der die Vorstellung einer Besessenheit durch "erdgebundene Geister" kennt. Die Abhilfe sehen derartige Glaubenssysteme im Falle der Besessenheit durch Dämonen in der Austreibung derselben (Exorzismus), während beim spiritistischen Pendant die "Erlösung" der Geister im Vordergrund steht. Beide Vorstellungen sind vorwissenschaftliche Interpretationen der Erfahrung von dissoziierten, autonom gewordenen psychischen Komplexen.             

Interessant ist es, zu vergleichen, wie unterschiedlich in den verschiedenen Kulturkreisen mit derartigen psychischen Dissoziationsphänomenen umgegangen wird; insbesondere mutet es ungemein modern an, wenn in den islamischen Ritualen nicht von "Austreibung" die Rede ist, sondern davon, mit dem Djinn leben zu lernen:  nicht ein aggressiver Zugang, sondern gleichsam Kompromißbereitschaft, ähnlich dem Gedanken, eine Krankheit ggf. nicht zu heilen, sondern mit ihr leben zu lernen.

Schlußendlich muß, wenn von Besessenheit und Exorzismus (Hans BENDER: "Der Teufelskreis der Besessenheit" ) die Rede ist, nachdrücklich auf den permanenten psychohygienischen Auftrag der Parapsychologie hingewiesen werden.         

                  
Literaturhinweis
:

Kornelius HENTSCHEL:     Geister, Magier und Muslime
                                     Dämonenwelt und Geisteraustreibung im Islam
                                     München, Diederichs, 1997
                                     (Diederichs Gelbe Reihe; 134: Islam)
                                     ISBN: 3-424-01354-4

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