Kurzbericht  über  den  Vortrag
von  Andreas  J.
Obrecht

"Geistheiler  in  Österreich  –
ausgewählte  Aspekte  einer  kultursoziologischen  Forschung
"

 

Als Ausgangspunkt hat der Referent die Hexerei in indigenen Gesellschaften gewählt, als deren Zwecke er einerseits die  Prävention  (von Unglück) und andererseits eine Aktion mit sozusagen zwei verschiedenen Vorzeichen angibt:   Destruktion  oder eben  Heilung.     
Dabei gilt auch, festzuhalten, daß sich
– im Gegensatz zu den Voraussagen der bekannten Drei-Phasen-Lehre von Auguste COMPTE – vielleicht ein Fünftel der Weltbevölkerung in einem Stadium der Rationalität befindet, gegenüber 4/5 mit irrationalen belief-Systemen.            

Nach diesen Vorbemerkungen nun zu den Ergebnissen des vom FWF geförderten Forschungsprojekts, das sich in zwei Bänden, die unser Referent herausgegeben hat, und auch in anderen Publikationen niedergeschlagen hat und sowohl die Vorstellungen der Klienten wie auch die Legitimation und Rituale der Heiler zum Gegenstand hatte:           

Von den ca. 160 - 180 Heilern, die es in Österreich gibt, ist mit circa der Hälfte Kontakt aufgenommen worden; von 137 Klienten sind die Lebensgeschichten ausgewertet worden.         
Kurz wurde auf die Situation bzgl. des StGB 184 hingewiesen, der nur "Heilung" durch katholische Priester, etwa im Rahmen von Heilungsgottesdiensten, -gebeten und vergleichbaren religiösen Handlungen von der Kriminalisierung ausnimmt.            

Zwanglos lassen sich in der Gegenwart [1] deutlich zwei Kategorien von Heilern voneinander unterscheiden:         

Sowohl die angewandten Rituale wie auch die zugrundeliegenden Vorstellungen haben die Konstruktion der Moderne überlebt. Die "Kraft", durch die "geheilt" wird, erfährt eine bildhafte Personalisierung – seien es Verstorbene, Heilige (der kath. Kirche), Naturgeister oder auch Krafttiere.                   

Die Wirkungskonzepte der Geistheilung werden von den Heilern dementsprechend unterschiedlich dargestellt, und ebenso unterscheiden sich die angewandten Rituale.          
Bei den religiösen Heilern dominieren volksreligiöse Vorstellungen, es ist Christus, der heilt; dementsprechend wird Handauflegen, Gebets- und Spruchheilung, allenfalls der "Kleine Exorzismus" angewandt.         
Bei den Heilern, welche die Traditionen des Schamanismus aufgegriffen haben, stehen Vorstellungen wie die schamanische Reise und Krafttiere im Vordergrund; daher kommen Trommeln, Rasseln, etc. zur Anwendung.      

Kriterien für die Abgrenzung zur Scharlatanerie:  von den (untersuchten) Heilern werden keine Heilungsversprechen abgegeben, es erfolgt keine Ablehnung der regulären medizinischen Therapie, es findet keine finanzielle Bereicherung statt (die Heiler arbeiten zumeist auf Spendenbasis).                              

Die Konsultation von Heilern gewinnt zunehmend an Attraktivität:  obwohl das Fehlen alter Vergleichsdaten über die Anzahl der Klienten eine quantitative Aussage nicht erlaubt, so kann doch ein Anstieg in den letzten 15 Jahren festgestellt werden.              
Diese zunehmende Attraktivität der Heiler kann auf ihre Bereitschaft zum Teilen von Schmerz, Leid, Angst und Einsamkeit in der Konfrontation mit Krankheit zurückgeführt werden, aber auch auf die Verfügbarkeit des Heilers, seine Nähe und Zuwendung.              

Was die Erfolge betrifft, so geben immerhin 76 % der Klienten (bei einem Fragebogensample von 500) eine eindeutige Besserung der subjektiven Befindlichkeit an.              

Eine repräsentative Befragung der Klienten österreichischer Geistheiler ergab eine geringe konfessionelle Gebundenheit (nur 50 % anstelle der 87 % im Österreich-weiten Durchschnitt), aber eine überdurchschnittlich hohe religiöse Sozialisierung und ebenso überdurchschnittlich viele konfessionelle Brüche. Demnach sind die Klienten zwar überdurchschnittlich religiös, aber weniger als der österreichische Durchschnitt an eine bestimmte Konfession gebunden. [2]           

Zustimmung

Angaben der
Klienten von
Geistheilern

österreichweiter Durchschnitt [3]
Erhebung
von 1993
Erhebung
von 1999
Glaube an ein
Leben nach
dem Tode
88 % 52 % 37 %
Glaube an die
Existenz des
Himmels
67 % 40 % 33 %
Glaube an
Wunder
90 % 60 % keine Zahlen
vorhanden
Glaube an
Kontakte mit
Verstorbenen
> 70 % 22 %

 Es handelt sich also bei den Klienten der Geistheiler um eine Gruppe von "religiösen Suchern" und "Sinnsuchern", die in ihrer Biographie schon die Veränderung religiöser Weltbilder eingeschrieben haben.             
          

Die von den Heilern behandelten Krankheiten lassen sich in vier Gruppen zusammenfassen:                 

Im Durchschnitt dauert es 7,2 Jahre vom Ausbruch der Krankheit bis zum Aufsuchen des Heilers; anschließend etabliert sich vielfach ein langes Treueverhältnis.              
Während sich ein Drittel der Klienten von Geistheilern als von der
Schulmedizin enttäuscht bezeichnet, so stößt diese doch nur bei 8
– 9 % auf Ablehnung; ein weiteres Drittel äußert sich mit der Schulmedizin zufrieden. Die Tätigkeit der Heiler wird als eine Ergänzung und nicht als eine Alternative zur Schulmedizin gesehen:  in der Tat kombinierten 80 % der Patienten schulmedizinische Methoden mit der Konsultation von Geistheilern, befinden sich also in "Doppelbehandlung".             
Ferner sind die Coping Strategien (= die Strategien zur Bewältigung der Krankheitssituation)  in klinisch standardisierten Test erhoben worden:  hier stehen aktive Strategien (gegenüber der anderen Möglichkeit, dem Verdrängen, Nicht-wahr-haben-Wollen) im Vordergrund, der Zugang ist sehr problemorientiert.         

Bei den Gründen für die Verbesserung der Befindlichkeit liegt die Änderung des eigenen Verhaltens an erster Stelle, erst dann wird von den Klienten das Können des Heilers angegeben, an dritter Stelle wird die spirituelle Empfänglichkeit bzw. das Ritual angeführt, und an vierter Stelle wird die soziale Dimension (Familie und Freunde) erwähnt.           

Was die Tabuisierung des Todes in unserer Gesellschaft betrifft, so verweisen die Klienten auf die "Spiritualisierung der Seele", Verabschiedung und Versöhnung im Sterbeprozeß. In einem Fallbeispiel agiert die Heilerin wie eine Zeremonienmeisterin, und zwar unter Einbeziehung der Familie (familiensystemische Betrachtung):  die Sterbebegleitung kann hier einen Sinn geben.         
              

Diskussion :

Wie immer bei der Thematik "Geistheilung" war die Diskussion sehr lebhaft. Hinsichtlich einer Reihe von Fragen – insbesondere kulturvergleichende, die auf die zugrundeliegenden Denkstrukturen abzielen – wurde vom Referenten auf ein Folgeprojekt verwiesen, das einen Vergleich mit der Situation der Geistheiler und ihrer Klienten in anderen Ländern zum Gegenstand hat, wo ein unterschiedliches spirituelles, aber vor allem aber auch legistisches Umfeld herrscht.        
               

Anmerkungen:

[1]   Das ist ein hochinteressanter Befund, weil es sich um eine relativ neue Entwicklung innerhalb der "Szene" handelt:  vor 30 oder vielleicht auch noch 25 Jahren gab es in Österreich – vom ubiquitären "Besprechen" von Warzen abgesehen – nur die volksreligiösen Heiler im ländlichen Raum, davon am bekanntesten die "Wender" im Alpenvorland.

[2]   Darin sehe ich eine Analogie Situation in politicis, wo die sogenannten Wechselwähler eine Gruppierung darstellen, die gleichzeitig politisch mehr interessiert, anderseits aber hinsichtlich ihrer Parteizugehörigkeit weniger gebunden sind als die Masse der österreichischen Bevölkerung.

[3]   Der Unterschied in den Zahlen der Social Surveys von 1993 und 1999 läßt sich auf die fortschreitende Säkularisierung zurückführen.           

                  
Literaturangaben:

Andreas OBRECHT:   "Die Welt der Geistheiler: Zur Renaissance magischer
                               Weltbilder" (Bd. 1)
   
                            Verlag Böhlau, Wien, 1999, ISBN: 3-205-99039-0

                               "Die Klienten der Geistheiler: Vom anderen Umgang mit
                               Krankheit, Krise, Schmerz und Tod" (Bd. 2)
                               Verlag Böhlau, Wien, 2000, ISBN: 3-205-99232-6 
                 
Ute MOOS:              "Spirituelles Heilen –  Der andere Weg zur
                              
Gesundheit"

                               Verlag Ueberreuter, Wien, 1999,
                               ISBN: 3-8000-3737-8
(Ute M
OOS hat bereits im Januar 1999 im Rahmen unserer Gesellschaft einen Vortrag mit dem Titel "Geistheilung in Österreich" gehalten.)    

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Die Österreichische Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzbereiche der Wissenschaften hat, wie auch anderswo bereits erwähnt, während der vergangenen Sommerferien ihren Sitz von der Technischen Universität Wien, an der sie mehr als 30 Jahre beheimatet gewesen ist, nunmehr an die Universität Wien (c/o Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie) verlegt. Dieser Vortrag war nun der erste, der an unserer neuen akademischen Heimstätte, im Neuen Institutsgebäude der Universität Wien, abgehalten wurde. Es war daher für unseren Präsidenten, Asst.-Prof. Dr. Manfred KREMSER, eine besondere Freude, unter den zahlreich erschienen Teilnehmern an erster Stelle auch den Altrektor (1989 - 1991) der Universität Wien, o. Univ.-Prof. Dr.phil. Dr.h.c. Karl R. WERNHART, begrüßen zu können.            

                            


                

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